Mutual Vision: Industrie und Avantgarde im Film

22.01.2009

Durch die beispiellose Massenproduktion und Arbeitsteilung im frühen 20. Jahrhundert wurde die Mechanisierung zu einem unumkehrbaren Faktor modernen Lebens. Damit einher ging die Suche nach neuen Kunstformen, mit deren Hilfe man einer zeitgenössischen Wirklichkeit gerecht werden wollte, die zunehmend durch Beschleunigung, Mobilität und wissenschaftlichen Fortschritt gekennzeichnet war, verbunden mit der Entwicklung neuer Technologien zur Beherrschung der Natur und des menschlichen Körpers. Diese neuen Technologien, insbesondere in den Bereichen Elektronik und Maschinenbau, optische Medien und Kommunikation, Architektur und Design, inspirierten sowohl das frühe Avantgarde-Kino als auch den Industriefilm. Doch beinhaltete das Verhältnis zwischen Filmschaffenden, TonkünstlerInnen, IngenieurInnen und AuftraggeberInnen aus der Industrie weit mehr als nur die gemeinsame Vision von einer besseren und technisch viel versprechenderen Zukunft: Anerkannte KünstlerInnen und FilmemacherInnen (wie Hans Richter, Len Lye oder Norman McLaren) wurden mit der Produktion von Werbe- und Industriefilmen betraut, während Firmen und staatliche Agenturen ein offenes Interesse für filmische Experimente und abstrakte Ausdrucksformen zeigten, um ihre Konzepte und Produkte als modern und zukunftsorientiert zu bewerben. Ohne die finanzielle Unterstützung und Forschungsleistungen von Universitäten und Unternehmen wie IBM oder Bell wären die ersten computergenerierten Filme undenkbar gewesen. Siemens, zum Beispiel, gründete 1957 ein hauseigenes Studio für elektronische Musik, in dem unter der künstlerischen Leitung des Komponisten Josef Anton Riedl elektronisch erzeugte Töne für die Verwendung in Filmen und Musikstücken hergestellt wurden.

Vor diesem Hintergrund zeigt Florian Wüst eine Auswahl von Experimental- und Industriefilmen aus den Jahren 1930 – 1968. Das Programm sowie weitere Filmausschnitte im Rahmen eines einführenden Vortrags sollen die wechselseitigen Prozesse zwischen industrieller Innovation und künstlerischem Experiment beleuchten.

Filmprogramm

Lichtspiel Schwarz-Weiss-Grau
László Moholy-Nagy, D, 16mm, 1930, 5'

Trade Tattoo
Len Lye, A: General Post Office, UK, 16mm, 1937, 5'

Siemens-Werbefilm: Farbige Klänge
P: Fischerkoesen, BRD, Video, 1953, 2'

Kommunikation – Technik der Verständigung
Edgar Reitz, BRD, Video, 1961, 10'

Reaktionen – Menschen in der Automation
Erik Wernicke, A: Chemische Werke Hüls AG, BRD, Video, 1961, 11'

Poemfield No. 5: Free Fall
Stan Vanderbeek, USA, 16mm, 1968, 7'

Random
Marc Adrian, A, 16mm, 1963, 4'

Florian Wüst, geboren 1970 in München, arbeitet als Künstler und Filmkurator in Berlin. Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und Besuch des Master of Arts Programms des Piet Zwart Institute for postgraduate studies and research, Willem de Kooning Academy, Hoogschool Rotterdam. Jüngste kuratorische Projekte u.a.: la vie moderne/revisitée, centre d’art passerelle, Brest (2008); Self-confession vs. Exploitation, Impakt Festival, Utrecht (2008); Die Poesie des Unbewussten. Peter Weiss und der Avantgardefilm, Kino Arsenal, Berlin (2007); The Vision Behind. Technische und soziale Innovationen im Unternehmensfilm ab 1950, Österreichisches Filmmuseum, Wien (2007); die stadt von morgen. Beiträge zu einer Archäologie des Hansaviertels Berlin, Akademie der Künste, Berlin (2007).

Florian Wüst ist Autor und Mitherausgeber von Experience Memory Re-enactment (Frankfurt am Main/Rotterdam 2005).

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